Sonntag, 13. September 2020

[Rezension] Während der Regenbogen verblasst




Titel:
Während der Regenbogen verblasst
Autor:
Peter Pohl
Übersetzerin:
Birgitta Kircherer

Verlag:
Deutscher Taschenbuch Verlag GmBH & Co. KG
veröffentlicht:
München 2001
Original :
Medan regenbågen bleknar, 1989
ISBN:
978-3-423-62052-8
Seiten:
444
Preis:
9€

Grober Inhalt:
Schweden nach 1945. Die Geschichte eines besonderen Jungen ohne Erinnerungen.
Cover des Buches
Liebstes aller Leserchen,

Hallo!

Vor einiger Zeit ist dieses Buch in meine Pfoten gefallen - ich weiß gar nicht mehr, wie genau. Ich kann nur sagen, dass es wirklich ein Glücksfall war!

»Während der Regenbogen verblasst« klang erst einmal gar nicht nach der Sorte Buch, die ich üblicherweise lese. Es beginnt schon etwas leserunfreundlich: 1950 verliert Henrik seine Erinnerungen. Die ersten paar Seiten zeigen ihn im Fieber und sind kaum zu verstehen; und außerdem ist es aus der Sicht eines Neunjährigen geschrieben, denn Henrik ist noch ein Kind.

Aber Henrik ist ein besonderes Kind. Erst einmal ist er wirklich erstaunlich intelligent, weshalb gar nicht so sehr auffällt, dass er erst neun ist. Es ist auch kein Kinderbuch. Abgesehen davon hat Henrik ein Leben, das sich Neunjährige von heute hoffentlich gar nicht vorstellen können: Sein neuer Vater schlägt ihn, in der Schule kommt es zu Problemen. Er glaubt, mit Tieren sprechen zu können, sieht Personen, die gar nicht da sind, und erinnert sich weiterhin an nichts. Er findet eine Freundin, Sanna - aber auch Sanna kann ihm im Sommer nicht helfen, im Sommer, wenn er in das Ferienlager gehen muss, wo die älteren Jungen die jüngeren verprügeln und tyrannisieren. Und immer, wenn er glaubt, es könnte nicht mehr schlimmer werden, kommt etwas Neues dazu…

… bis plötzlich etwas geschieht, das alles ändern könnte.

Aber ich möchte gar nicht zu viel verraten; »Während der Regenbogen verblasst« ist wirklich ein Buch, das du selbst lesen musst.

Ein Grund dafür ist der einzigartige Schreibstil. Wie du sicher bemerkt hast, ist Henrik ein besonderer Neunjähriger - er ist sehr intelligent und gleichzeitig sehr durcheinander, von all den Dingen, die um ihn herum geschehen und die er nur nach und nach zu verstehen lernt.

Und das Buch ist aus der Ich-Perspektive und im Präsens geschrieben, das heißt, wir bekommen alle Gedanken unmittelbar mit - ohne Schnörkel, ohne Beschönigungen, aber auch ohne Übertreibung. Das heißt, auch ohne Anführungszeichen. Manchmal springt der Erzähler plötzlich auch aus Henrik heraus und betrachtet ihn von außen; oder er geht noch weiter in ihn hinein und zeigt uns, was in ihm geschieht. Ich glaube, es gibt wenige Bücher, die einen so umfassenden Einblick in das Leben ihrer Hauptfigur gewähren. Und wenige Bücher, die so viele Stilbrüche haben, ohne gekünstelt oder unpassend zu wirken.

Henrik ist so wunderlich wie verblüffend - das Ungeordnete in ihm macht in so besonders, so interessant und so realistisch, dass man glauben könnte, neben ihm zu sitzen und gerade sein Leben zu leben. Das gibt dem Buch eine weitere Facette. Es ist brutal. Nicht, dass die Schläge seines Vaters irgendwie beschrieben würden; ganz im Gegenteil, physische Gewalt überspringt der Erzähler geflissentlich.

Die psychische dagegen nicht.

Und davon gibt es viel, im Schweden der Nachkriegszeit; besonders in den Ferienlagern, in denen niemand die Jungen davon abhält. Henrik versucht, vor den Größeren zu fliehen. Meistens gelingt es ihm - aber die Angst bleibt trotzdem.

Auch seine familiäre Situation ist schwierig. Besonders der Vater übt Druck auf seinen Adoptivsohn aus. Seine halben Erinnerungen machen die Lage nicht besser.

Aber ich möchte gar nicht zu viel verraten! Du sollst das Buch ja noch selber lesen wollen - ich kann es dir nur wärmstens ans Herz legen.

Besonders das Gefühl der Nachkriegszeit bringt dieses Buch dem Leser nahe: die Schwelle zwischen der heutigen Gesellschaft und dem Krieg. In Zeiten der Militarisierung und dem wiederaufkeimenden Rassismus ist »Während der Regenbogen verblasst« wie ein willkommener Schlag ins Gesicht.


Auch literarisch kann das Buch viel von sich behaupten. Mit Perspektivwechseln, anderen Erzählweisen und vollkommen neuen Ansätzen vermittelt Pohl ein Bild, von dem ich nie gedacht hätte, es sei mit Worten beschreibbar.




Wenn man jünger ist, sollte man es allerdings nicht lesen ... ich hatte wirklich Alpträume davon. Die Dinge, die die Leute zu Hendrik sagen, und die, die er denkt ... das war alles etwas zu ... grausam...


Ich kann durchaus den Anreiz dieses Buches verstehen, aber mir ist es dann doch zu durcheinander. Teilweise gibt es keine richtige Handlung und die Gedankengänge sind einfach nur wirr. Ein bisschen erinnert es mich fast an meine Notizen. Man versteht sie, aber andere müssen sich erst reindenken.


Ich kenne kein Buch, das die Probleme nach dem zweiten Weltkrieg besser beschreibt als dieses. Die Probleme der Bevölkerung, meine ich. Die Gewalt, die sie über Jahre zu diesen Personen gemacht hat, und die Schwierigkeit, zurückzugelangen und ein normales Leben zu leben. Dass all das aus der Sicht eines Kindes geschrieben wird, verdeutlicht noch einmal die Hilflosigkeit und macht es umso herzzerreißender…

Ein wunderbares Buch, mitreißend, entsetzend und ohne Beschönigungen - und gerade deshalb lesenswert.

Liebste Grüße,
Deine Amira

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